2025-03-04
Wie bereits erwähnt, haben wir uns am Sonntag noch schnell A Complete Unknown angesehen. D. war ein wenig besorgt, dass der Film ihren beiden erklärten Lieblingen Bob und Timothée nicht gerecht werden würde. Mit Blick auf die miserablen Filme, in denen der an sich nicht unsympathische Herr Chalamet in letzter Zeit gespielt hatte (Bones, Wonka, Dune) dachte ich eher, dass der sich vielleicht grundsätzlich weigert, gute Filme zu machen.
Unser beider Sorgen waren jedenfalls unbegründet, und tatsächlich hatte ich das erste Mal seit langer Zeit den Wunsch, mir den Film direkt noch einmal anzusehen. Die Kritiken, die ich gelesen hatte, waren zum Teil wenig begeistert, von wegen zu wenig Drogen und zu wenig Politik. Nichts davon habe ich vermisst, und auch die zwei oder drei Liebesbeziehungen haben eine erfreulich geringe Rolle gespielt. Es ging um Musik, und so ziemlich ausschließlich um Musik. Aber wenn Timothée und Monica Barbaro als Joan Baez im Duett It ain’t me, Babe singen, und man dabei die Reaktion von Elle Fanning sieht, dann sagt das mehr und Tieferes aus als ein französisches Zwei-Stunden-Beziehungsdrama.
Mir hätten in diesem Film auch stille Kamerafahrten durch das New York der 60er genügt. Jedenfalls zeigte der Film eindringlich, dass Handlung überbewertet ist. Bob kommt nach New York, um den vor sich hin siechenden Woody Guthrie zu besuchen, wobei er auch Pete Seeger trifft, dessen Musik möge er aber auch, versichert er nicht ganz glaubwürdig. Und dann spielt er seinen Song for Woody Guthrie. Und zwar ziemlich gut, jedenfalls besser, als der wahre Dylan das gekonnt hat. Timothée, hieß es bei der Oscar-Verleihung, habe für den Film singen gelernt, und darum beinahe die Rolle verloren. Timothée ist sehr cool, aber er bleibt zu siebzig Prozent Timothée, während Edward Norton ganz und gar Pete Seeger ist. Allein für das Casten von Edward Norton hätte James Mangold schon den Regie-Oscar verdient gehabt.
Bob hat nun schnell Erfolg, und so ganz glück ist er damit auch nicht. Eigentlich wollte er nur eines sein: A musician. Who eats. Also wird er elektrisch, ausgerechnet auf dem Newport Festival, das sich der Pflege der Folkmuisk (Sänger und Gitarre ohne Schnickschnack) verschrieben hat. Und der Zuschauer darf sich die moralische Frage stellen, ob das recht war. Natürlich nicht, sage ich. Und einer der Männer, die Bob auf diesen falschen Weg geführt hat, war der andere Bob. Bob Neuwirth. Das wusste ich gar nicht, dass der was mit Dylan zu tun hatte, ich kenne ihn nur über das sensationelle Album, das er später mit John Cale gemacht hat. Ah, und erwähnt werden muss noch die kurze Szene, in der Al Kooper sich frech an die Orgel setzt, um Rolling Stone einzuleiten. Ein wunderbarer Film.
9/10 Studio
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